Corona: Warum die Infektionszahlen noch immer so hoch sind und die Dunkelziffer vermutlich sogar um ein Vielfaches höher (Gedanken aus einer Hotspot-Region in Bayern)

Es erscheint eigentlich nicht plausibel, dass die Zahl der Neuinfektionen noch immer ansteigt (wenn auch verlangsamt, sofern man die Dunkelziffer außer Acht lässt), wo doch angesichts der getroffenen Sicherheitsmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie Ansteckungen seit Wochen kaum möglich sein sollten.

Sollte man meinen! Allerdings müssten sich dann alle Menschen an die Regeln halten. Doch das tun sie anscheinend in erheblichem Umfange nicht, sonst wären die Zahlen bei weitem niedriger. Zudem gelten außerhalb Bayerns zum Teil großzügigere Regelungen, die das Infektionsrisiko nicht unbedingt senken dürften.

Das fast überschwängliche Lob einiger Politiker an die Bevölkerung, wie großartig und verantwortungsbewusst sie mit Ausgangsbeschränkung und Abstandsgebot umgehe, kann ich aus dem eigenen Erfahrungsbereich leider nicht uneingeschränkt nachvollziehen. Vielmehr beklage ich den zu beobachtenden leichtfertigen Umgang Vieler mit der gefährlichen Corona-Lage und halte ihn für absolut verantwortungslos, wenn auch die Mehrheit sich vernünftig zu verhalten scheint.

Info für Nichtbayern: Die etwas vom Bund abweichenden bayerischen Regeln beinhalten neben dem allgemeinen Mindestabstandsgebot (1,5 m) vor allem eine strengere Ausgangsbeschränkung: Das Verlassen der Wohnung (Haus, Grundstück) ist nur aus triftigem Grund gestattet. Der muss lebensnotwendig und unaufschiebbar sein. Erlaubt sind Einkäufe für den täglichen Bedarf, Spazierengehen in der Nähe sowie sportliche Betätigung (Beides nur allein oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes). Stets ist darauf zu achten, anderen Personen nicht zu nahe zu kommen. Gruppenbildung ist untersagt, ebenso Besuche von Verwandten und Freunden.

In den meisten anderen Bundesländern gilt hier bekanntlich eine großzügigere Regelung mit potentiell höherer Infektionsgefahr. Das Haus darf jederzeit auch ohne „triftigen“ Grund verlassen werden. Es dürfen Zweiergruppen gebildet werden, wobei die Beiden nicht aus demselben Hausstand stammen müssen. Gefährlich, denn niemand weiß wirklich, ob er oder der/die Andere infektiös ist oder nicht!

Heute habe ich den Blogbeitrag eines Rettungsassistenten gelesen, der leider ähnliche Erfahrungen mit unvernünftigen, egoistischen Verhaltensweisen macht, wie ich sie in meinem weiteren Umfeld beängstigenderweise ebenfalls feststellen muss. Hier ein Auszug aus dem Beitrag „In Zeiten von Corona …“:

… Die Panik, die ich noch letzte Woche hatte, die wird langsam weniger, ich lese ein bisschen was über die neuesten Zahlen und schaue nur noch einmal am Tag Nachrichten, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Die Arbeit mit Schutzkleidung an jedem Patienten, das tragen des Mundschutzes die ganze Schicht, dass ist zur Routine geworden. Auch wenn ein Patient hustet und Fieber hat, macht mir keine Angst mehr. Der Respekt bleibt aber trotzdem bei jeder Fahrt.Wo ich aber Wut bekomme, dass sind die Menschen, die sich einen Scheiß um die Anordnungen scheren. Da wird fröhlich mit vielen anderen Menschen ohne genug Abstand grilliert, Fussball gespielt oder zum chillen auf der Couch getroffen. Auch ein Kumpel aus dem Freundeskreis pendelt fröhlich über die Grenze, trifft sich mit Eltern, Freunden und lässt sich die Haare schneiden. Da fehlen mir wirklich die Worte, wie kann man nur so egoistisch sein und seine eigenen Bedürfnisse über die von uns allen stellen!?Auch wenn die Zahlen sinken, wir sind noch lange nicht über den Berg. Es wird noch Monate, wenn nicht sogar ein Jahr dauern, bis wir wieder von einem Leben wie vor Corona träumen können.Deswegen haltet euch bitte an die Verordnungen, haltet durch und bleibt gesund!“ (Quelle: Blog Alltagimrettungsdienst)

Auch aus meinem eigenen Wohnort wurde mir per eMail berichtet, dass z. B. ein Polizist (!) folgendes Fehlverhalten an den Tag lege (Zitat): „Er empfängt andere Polizisten mit Familienangehörigen zu nächtlichen Partys im Partykeller. Die kleinen Kinder kommen immer wieder zu uns rüber um Trampolin zu springen. Wie bescheuert ist das denn?“

Auch selbst beobachte ich immer wieder Verstöße gegen Ausgangsbeschränkung und Abstandsgebot. Nicht zuletzt auch bei Personen des öffentlichen Lebens fällt mir das auf, die hier offenbar Privilegien für sich beanspruchen unter dem Motto:

Ich stehe selbstverständlich voll und ganz hinter den verfügten Maßnahmen unserer bayerischen CSU-Staatsregierung. Für mich selbst empfinde ich sie allerdings nicht als optimal passend. Deshalb billige ich mir und meinen Angehörigen da Ausnahmen und Privilegien zu.

Weil Ute und vor allem ich als mehrfache Risikopatienten im Falle einer Infizierung mit einem sehr schweren, u. U. tödlichen Verlauf rechnen müssten, ärgert mich solche Rücksichtslosigkeit, vielleicht auch Borniertheit, massiv. Mir geht es da wie dem oben zitierten Rettungsassistenten. Zeitweise habe ich richtig Angst, denn noch so gut gemeinte unerlaubte Kontakte könnten schlimmstenfalls tödlich enden.

Ich könnte leider noch viele Beispiele für verantwortungsloses, asoziales Verhalten anführen. So die Polizistin, die ihre alte Mutter ohne triftigen Grund aufsucht und gefährdet. In der Wohnung, wo die Mutter mit ihrem Lebensgefährten lebt, kann der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden. Das wird von allen Beteiligten ignoriert. „Sie meint‘s ja gut.“

Doch auch den umgekehrten Fall habe ich in unserer Siedlung beobachtet. Da hat die Oma zu Ostern bedenkenlos Kinder und Enkel besucht, trotz Ausgangsbeschränkung. Beamtin i. R.!

Eltern lassen es zu, dass sich ihre Kinder auf der Straße oder im Garten mit Freunden treffen. Geht‘s noch?! Weist man darauf hin, wird man angefeindet.

Und das, obwohl wir in einem von fünf am stärksten von Corona betroffenen Landkreisen in Deutschland leben. Von diesen fünf Corona-Hotspots liegen vier in Bayern, nur Heinsberg in NRW! Einer der bayerischen Landkreise ist Neustadt a. d. Waldnaab.

Schlaue Zeitgenossen haben ihr Ostertreffen mit Verwandten und Freunden in ein abgelegenes Zweitdomizil verlegt, vermutlich um nicht so leicht aufzufallen.

Überhaupt glaube ich, dass inzwischen nicht mehr so sehr die Gruppenbildungen im öffentlichen Raum ein Problem darstellen, sondern die erfolgte Verlagerung hinter verschlossene Türen. Dem Virus dürfte es aber egal sein, wo er sich verbreiten darf.

Somit ist es gar nicht verwunderlich, dass immer noch kein wirklicher Durchbruch bei der Bekämpfung der Neuansteckungen gelungen ist. Unsolidarische und gleichgültige Egoisten dürften dazu mit ihren inakzeptablen Verhaltensweisen nicht unerheblich beitragen. Jeder einzelne Verstoß mag in den Augen der Beteiligten eine lächerliche Kleinigkeit sein, in der Summe ergeben viele kleine Verstöße aber ein Risikopotential, das in der Neuansteckungsstatistik spürbar wird.

Außerdem stellt dieses undisziplinierte Gebaren eine Vera…ung derer dar, die sich korrekt verhalten. Dass ausgerechnet auch Staatsdiener ihre staatsbürgerlichen Pflichten in Corona-Zeiten geradezu verweigern, stimmt schon äußerst bedenklich. Ich habe übrigens nichts gegen Beamte. Ich bin selbst einer i. R.!

Immerhin schaffen wir es momentan dank der Vernünftigen in der Bevölkerung, die Kliniken nicht zu überlasten. Wenn das so bleiben soll, bzw. möglichst wenige Neuansteckungen stattfinden sollen, bedarf es der Solidarität der gesamten Gesellschaft. Sonst wird man noch lange mit Einschränkungen, Kurzarbeit usw. leben müssen, was für Viele mit Angst um die eigene Existenz gleichzusetzen ist.

Anmerkung am Rande: Die oben erwähnten Ignoranten müssen alle nicht um die eigene Existenz bangen. Sie leben privilegiert im eigenen Haus mit Garten und/oder Terrasse und sind finanziell mehr als abgesichert. Sie hätten es eigentlich überhaupt nicht nötig, sich so unsolidarisch zu benehmen, denn im eigenen Anwesen kann man die Einschränkungen komfortabel aushalten. Von diesen Leuten würde man aufgrund der beruflichen Positionen vielmehr eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft erwarten, zumal es für Hausbesitzer mit Garten wie gesagt kein wirkliches Opfer bedeutet, sich bewusst an die zur Zeit geltenden Regeln zu halten.

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber es stimmt: In der Krise werden Einige ihren wahren Charakter offenbaren.

All das passiert, obwohl sämtliche Medien seit Wochen fortwährend dafür werben, daheim zu bleiben und Abstand zu halten. Im Fernsehen werden dankenswerterweise ständig Texte eingeblendet wie: BLEIB ECHT DAHEIM! – Die Unbelehrbaren aber werden denken: „ICH doch nicht!“ oder „Ich feiere unsere Party ja daheim!“

Alles in allem, glaube ich, wäre die Infektionsgefahr auch nicht größer als durch die Luxus-Ignoranten unserer Spaßgesellschaft, wenn geeignete Betriebe unter strengen Sicherheitsauflagen den Arbeitnehmern zuliebe wieder öffnen dürften und innerdeutsche Fahrten z. B. auch mit dem Wohnmobil (Selbstversorger) unter angemessenen Sicherheitsbestimmungen vielleicht ab Mai wieder erlaubt wären. Hier stünde man notfalls sogar unter Quarantäne.

Vom raschen Öffnen der Schulen halte ich dagegen wenig. Hier schlummert m. E. ein hohes Infektionspotential. Ich würde noch ein paar Wochen warten. Lernstoff kann man nachholen, verlorene Leben jedoch nicht wieder herstellen.

Unglücklich finde ich auch die verfrühte öffentlichen Diskussionen um „Lockerungen“. Das interpretieren nicht Wenige als baldige Aufhebung des Abstandsgebotes und fangen schon mal damit an. Ohnehin wissen offenbar nicht alle Menschen, was ein Meter ist. Aus den mindestens anderthalb Metern werden deshalb rasch höchstens anderthalb Meter. Zwei Meter wären sowieso besser, wie man von manchen Fachleuten hört, stattdessen bleibt häufig nur 1 m und weniger Abstand übrig. Das kann man sogar ab und zu im Fernsehen beobachten.

Es wäre wohl klüger, überall einen Sicherheitspuffer mit einzubauen, denn auch 2 m Abstand können, z. B. bei Wind, zu wenig sein, um Tröpfcheninfektionen zu vermeiden. Hier macht evtl. eine Atemschutzmaske Sinn, aber nur, wenn der Sicherheitsabstand nicht verringert wird und Jeder eine solche trägt!

Soweit die unmaßgeblichen Einschätzungen eines interessierten Laien, der COVID-19 möglichst nicht zum Opfer fallen möchte.

Lasst euch von unvernünftigem Verhalten nicht provozieren oder gar anstecken, und bleibt in jedem Fall gesund!

Ach ja! Lob und Anerkennung verdienen auch mal die bayerischen Politiker, die weitgehend an einem Strang ziehen und bislang ein gutes Krisenmanagement unter Beweis stellen. Danke und weiter so!

 

NACHTRAG: Zu allem Überfluss bekamen wir vorhin noch (unerlaubten) Verwandtenbesuch. Völlig unnötig und unwichtig! Keinesfalls aus triftigem Grund! Die Besucherin musste dazu die geltende Ausgangsbeschränkung missachten und außerdem das Besuchsverbot bei alten Menschen, die zudem einer Risikogruppe angehören. Vor allem aber hielt sie sich nicht ans Abstandsgebot und stand an der Tür plötzlich nur einen halben Meter vor Ute, bis Ute einen Schritt zurücktrat. Der Mindestabstand war aber auch dann noch nicht hergestellt. Man fragt sich, was dieser Leichtsinn soll und bekommt zugleich eine Vorstellung davon, wie das Virus in die Altenheime kommt. Der u. U. lebensrettende Groschen ist leider noch immer nicht bei allen Leuten gefallen. Unbegreiflich! Wie soll das werden, wenn man sich womöglich noch anderthalb Jahre vor einer Infektion schützen muss, bis hoffentlich ein Impfstoff gefunden ist? Ich empfinde solch ein hirnloses Verhalten als Bedrohung und versuchte Körperverletzung.

Ein Gedanke zu “Corona: Warum die Infektionszahlen noch immer so hoch sind und die Dunkelziffer vermutlich sogar um ein Vielfaches höher (Gedanken aus einer Hotspot-Region in Bayern)

  1. Recht hast!
    Übrigens: Mein Enkel ist Krankenpfleger und im Uni-Klinikum in der Corona-intensivabteilung eingesetzt. Das mit den (dichten) Masken ist sehr anstrengend; ist jeden Tag k.o.
    Jetzt hats auch unseren „G“ wohl ziemlich erwischt!

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