Warten auf den eGolf

Durch die Corona-Pandemie und die dadurch verursachten Produktionsausfälle hat sich bekanntlich der Liefertermin zahlreicher Fahrzeugfabrikate deutlich verschoben, insbesondere bei Elektroautos. Bei VW geht man von drei Monaten aus, zumal auch noch die Werksferien dazukommen. Für mich heißt das: Ich kann erst im Oktober (statt ursprünglich im Juli) mit der Produktion, bzw. Auslieferung des eGolf rechnen. Er wird einer der letzten sein.

MAN SOLLTE SERIÖS INFORMIERT SEIN, UM VORURTEILSFREI ENTSCHEIDEN ZU KÖNNEN

In der Zwischenzeit lese ich mich immer mehr ein in die Thematik „Elektromobilität“. Auch zahlreiche YouTube-Videos habe ich bereits konsumiert, wobei man da schon aufpassen muss, dass man nicht Influenzern auf den Leim geht, die mit tendenziösen Darstellungen vermutlich gut Geld verdienen.

Deren „Tests“ sind oft ziemlich oberflächlich und die übermittelten Infos nicht immer verlässlich, weil man sich nicht einmal die Mühe macht, das Testobjekt vor dem Videodreh gründlich kennenzulernen. So bleiben positive wie negative Features oft unerwähnt und wichtige Fragen ungeklärt. Die Floskeln „ich glaube“, „ich weiß nicht“, „keine Ahnung“ usw. gehören m. E. nicht in einen vermeintlichen Testbericht. Da hat man sich eben besser vorzubereiten, gerade wenn man den Eindruck eines professionellen YouTube-Kanals vermitteln will.

In Kenntnis und unter Berücksichtigung dieser Gegebenheiten kann man sich dennoch hilfreiche Informationen aus den Videos filtern. In der Summe scheinen sie dann doch in Verbindung mit Forumsbeiträgen und Fachartikeln einen wirklichkeitsnahen Eindruck vom Testobjekt zu ermöglichen. Inzwischen bin ich jedenfalls schon ziemlich gut im Bilde, was Elektromobilität im Allgemeinen und den eGolf im Besonderen betrifft.

WARUM EIN AUSLAUFMODELL?

Wie kam ich überhaupt auf den VW eGolf, ausgerechnet ein eAuto der letzten Generation, wo doch der VW ID.3 bereits vor der Tür stand? — Im Januar 2020 reifte der Gedanke, Utes 17jährigen Polo evtl. durch ein eAuto zu ersetzen. Dem Polo sieht man sein Alter zwar nicht an, aber uns reizte mal wieder was Neues.

Wieder ein Verbrenner kam nicht in Frage, denn wenn schon, dann sollte es mal was Alternatives sein. Außerdem wollten wir unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, die Energiewende voranzubringen und etwas für die Umwelt zu tun. Motivierend wirkte auch die damalige Förderung für eAutos in Höhe von insgesamt 4000 €.

Zunächst interessierte ich mich für den eUp!, denn die Anschaffungskosten sollten möglichst unter 20.000 € bleiben. Nach Vergleichen im Internet verhandelte ich Anfang Februar schließlich mit dem VW-Autoverkäufer, bei dem ich vor 17 Jahren den Polo gekauft hatte. Auch für den ARV hatte ich über ihn jahrelang Dienst- und Einsatzfahrzeuge bestellt.

DER KAUFPREIS WAR WICHTIG

Der alte Bekannte fragte, warum ich nicht statt des eUp! für wenig Mehrkosten einen eGolf nähme, der wesentlich mehr Gegenwert für‘s Geld böte, nachdem VW den Preis innerhalb eines Jahres zweimal reduziert habe. Von knapp 40.000 € sei der Listenpreis zunächst auf 35.900 € und mittlerweile auf 31.900 € gesenkt worden. Dazu komme ein ansehnlicher Aktionsrabatt von ca. 5.000 € sowie in meinem Falle ein Nachlass für Menschen mit Behinderung in Höhe von 10%. Nicht zu vergessen die je 2000 € Umweltprämie vom Hersteller und vom Staat, deren Erhöhung um je 1000 € auf jeweils 3000 € noch im Februar erwartet wurde.

Tatsächlich zog der eGolf nun preislich fast gleich mit dem eUp!, der weit weniger Auto für’s Geld bietet. Das überzeugte mich, und ich bestellte am 08. Februar 2020 einen weißen eGolf. Unverbindlicher Fertigstellungstermin Juli 2020 mit „Erlebnisabholung“ in der Gläsernen Manufaktur in Dresden. So war‘s geplant.

 

CORONA LIESs GRÜSsEN 

Dann kam das Virus! Damit änderte sich Einiges.

Erst das Negative:

• Mein Autoverkäufer verstarb im 51. Lebensjahr an COVID-19.

• Die Produktion bei VW wurde vorübergehend eingestellt.

• Der Liefertermin verschiebt sich mindestens auf Oktober 2020.


Aber auch positive Auswirkungen der Krise gibt es:

• Die staatliche Förderung von eAutos wurde verdoppelt, also von 3000 auf 6000 €.

• Der Mehrwertsteuersatz wurde ab 1. Juli von 19% auf 16% gesenkt, was den Kaufpreis für den eGolf um weitere ca. 900 € mindert.

Was ich beim Bestellen des Fahrzeuges gar nicht hatte erwarten können, ist der inzwischen dadurch mehrfach günstiger gewordene effektive Kaufpreis, sodass ich mein ursprüngliches Ziel, mit den Anschaffungskosten die 20.000 € Marke möglichst nicht zu überschreiten, nun doch erreiche.

Dabei ist das Auto hervorragend ausgestattet. Das ist in der Serie schon der Fall. Und ich habe noch für 5.000 € Sonderausstattung hinzugeordert. Der serienmäßige eGolf ohne Extras wäre also schon für rund 15.000 € zu haben gewesen.

Über die serienmäßigen und optionalen Ausstattungsdetails und ihre Funktion berichte ich separat.

 

NICHT NUR DER PREIS ZÄHLT

Neben dem Preis gaben noch andere Überlegungen den Ausschlag für die Wahl des eGolf:

  • Da hauptsächlich Ute das Auto nutzen wird, wird die Umstellung für sie leichter (von Polo auf Golf), da alle VW eine sehr ähnliche, ergonomische Bediensystematik besitzen. Man findet sich sofort zurecht.
  • Der eGolf ist ein ausgereiftes Fahrzeug und wird seit sieben Jahren gebaut, die aktuelle Version eGolf 300 seit drei Jahren.
  • VW steht für hohe Fertigungsqualität und eine ansprechende, fast zeitlose Formensprache.
  • Die dennoch von Skeptikern geäußerten Kritikpunkte stören uns nicht, weil wir sie zumindest in unserem Fall nicht für zutreffend halten.
  • Von Utes Verwandtschaft und einigen Bekannten wurde uns vom Kauf abgeraten, bzw. Unverständnis für unsere Entscheidung geäußert. Das war aber rasch als Ergebnis von althergebrachten Vorurteilen entlarvt, die sich erstaunlich hartnäckig in der Bevölkerung halten.

Anmerkungen zum Kritikpunkt „zu geringe Reichweite“:

Besitzer des eGolf 300 berichten von Reichweiten zwischen 250 und 300 km unter günstigen Bedingungen bei verhaltener Fahrweise im Sommer sowie 150 bis 200 km unter extrem winterlichen Bedingungen. Die Werksangabe liegt bei einem realistischen Durchschnitt von 231 km. Für Geschäftsreisende, die täglich hunderte von (Autobahn-)Kilometern zurücklegen müssen, gewiss nicht optimal! Bei uns liegt die durchschnittliche tägliche Wegstrecke jedoch bei etwa 30 km, wie wir vom Polo wissen. Da ist der eGolf geradezu ideal.

Wenn er nicht genutzt wird, steht das Auto in oder vor der Garage und ist über den „Ladeziegel“ ans Stromnetz angeschlossen. Auch bei niedriger Ladeleistung von etwa 2,3 kW am Haushaltsstrom dauert es nur rund 2 Std., um den verbrauchten Strom für 30 km wieder in die Batterie zu laden. Zeit ist aber mindestens die ganze Nacht und immer, wenn das Auto daheim steht. Das langsame Laden mit ca. 10 A schont zudem die Antriebsbatterie.

Fährt man ausnahmsweise mal eine längere Strecke von deutlich über 200 km und muss unterwegs zwischenladen, dann ist auch das über den CCS-Anschluss mit bis zu 40 kWh/h möglich, sodass der Aufenthalt an einer Schnellladestation nicht länger als 30 – 45 Min. dauern muss. Eine kleine Rast schadet uns älteren Herrschaften ohnehin nicht. 

Im Normalfall aber ist der eGolf künftig für die täglichen Erledigungen, also für Kurzstrecken (wie zuvor der Polo) da. Für längere Strecken steht der Volvo C70 (Benziner) nach wie vor bereit. Urlaubsreisen machen wir eh mit dem Wohnmobil (Diesel). Somit können wir, ohne irgendwelche Einschränkungen hinnehmen zu müssen, problemlos den Verbrenner VW Polo voll durch den elektrischen VW eGolf ersetzen.

Anmerkungen zum Kritikpunkt „der eGolf ist altbacken, unmodern, langweilig, unauffällig, kaum als eAuto erkennbar“:

Erstens sind auch wir nicht mehr taufrisch🤗, zweitens schätzt es Ute, mit dem Auto nicht besonders aufzufallen. Einen BMW i3 hätte sie deshalb nicht gewollt. Außerdem steht die Komfort- und Sicherheits-Ausstattung dieses deutschen Seniors der eMobilität von VW den aktuellen Modellen nicht spürbar nach. Der konservative Stil der Innenraumgestaltung gefällt uns besser als das Plastikambiente beim eUp! oder beim ID.3. Letztlich ist das natürlich Geschmackssache. Jungen Leuten wird‘s gefallen. Viele schwören aber auch auf diesen letzten eGolf, wie man liest. Wir freuen uns ebenfalls darauf.

Anmerkung zum allgemeinen Kritikpunkt „die Ladeinfrastruktur ist zu schlecht ausgebaut und funktioniert nicht zuverlässig“:

Wie an anderer Stelle beschrieben, werden wir in erster Linie daheim über Nacht das nachladen, was tagsüber verbraucht wurde. Auf öffentliche Ladesäulen werden wir also nur ausnahmsweise zurückgreifen müssen.

Abgesehen davon besteht in Deutschland inzwischen ein ausreichend dichtes Netz an Ladesäulen. Anders als beim schnellen Internet sind wir auch in unserer Gegend gut versorgt. Für langsames Typ2 Wechselstrom-Laden (beim eGolf 7 kW/h AC) gibt es in der Nähe sogar mehrere kostenlose Lademöglichkeiten. Ansonsten kostet die Kilowattstunde über die ADAC/EnBW-Karte 0,29 €.

Die nächste DCC-Schnellladesäule (beim eGolf 40 kW/h DC) befindet sich bei Windischeschenbach an der BAB. Hier kostet die Kilowattstunde mit der ADAC/EnBW-Ladekarte 0,39 €. Diese Karte funktioniert nahezu überall, sodass auch der Kritikpunkt der Ladekartenvielfalt immer mehr an Substanz verliert. Dass Ladesäulen gar nicht funktionieren, kommt recht selten vor, vermutlich nicht öfter als bei Tanksäulen, wird aber von Wichtigmachern und Skeptikern der Elektromobilität besonders hervorgehoben. Meist werden evtl. Mängel innerhalb kürzester Zeit behoben. Ich hätte deshalb keine Bedenken, auch größere Strecken mit mehreren Ladestops mit dem eGolf zu bewältigen.

Anmerkungen zum Kritikpunkt „Elektroautos kommen teurer als Verbrenner“:

Wie beim Verbrenner kommt es natürlich bezüglich der Kosten darauf an, für welches Fahrzeugmodell man sich entscheidet. Man sollte für einen Vergleich also tunlichst Fahrzeuge aus der gleichen Fahrzeugklasse auswählen. Dann wird meistens das Elektromodell punkten.

In unserem Fall sieht die Lage so aus:

Kaufpreis: Ein vergleichbar ausgestatteter Verbrenner-Golf kommt unterm Strich teurer als der eGolf.

Versicherung: etwa gleich

KfzSteuer: entfällt für 10 Jahre

Wartungskosten: i. d. R. deutlich günstiger

Energiekosten: Stromkosten für 100 km mit dem eGolf deutlich unter 5 € (zwischen 0,00 € und 4,80 € je nach Strompreis). Treibstoffpreis (Benzin, Diesel) für 100 km grundsätzlich über 5,00 €

 

AN DER SCHWELLE ZUR ELEKTROMOBILITÄT

Deutschland steht gerade an der Schwelle zur Elektromobilität. Etwas spät, aber immerhin! Es ist dennoch kein besonderes Abenteuer mehr, sich für diese Antriebstechnologie zu entscheiden. Ich schreibe bewusst nicht „neue“ Antriebstechnologie, denn eAutos gab es auch schon vor 100 Jahren. Damals hat aus guten Gründen die Verbrennungsmaschine obsiegt.

U. a. durch neue Batterietechnologien bekommt nun der Elektromotor erneut eine Chance, auf dem Automobilmarkt eine nennenswerte Rolle zu spielen. Ob und wann er die Verbrennungsmotoren komplett ablösen wird, steht allerdings in den Sternen. Vielleicht ist es auch gar nicht so verkehrt, wenn verschiedene Systeme nebeneinander existieren und die Menschheit nicht von einem allein abhängig ist. Voraussetzung: Alle Systeme arbeiten schadstoffarm und die Lärmemissionen werden erheblich geringer.

Andererseits schadet es auch keineswegs, wenn die endlichen Ölvorräte etwas gestreckt werden und weniger Öltanker auf den Weltmeeren unterwegs sind. Öl ist für viele Technologien und Produktionsprozesse unentbehrlich und wird deshalb weiterhin gebraucht. Weniger Öltanker bedeuten auch ein geringeres Risiko, dass immer wieder durch Tankerunfälle sensible Bereiche am Rande der Schifffahrtsrouten unter Umweltkatastrophen leiden müssen.

Von meiner Seite deshalb Daumen hoch für die Energiewende und die Weiterentwicklung der Elektromobilität einschließlich der Wasserstofftechnologie (Strom aus der Brennstoffzelle).

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